Palliativmedizin

Bücher zum Thema aussuchen Bücherliste: Palliativmedizin

Allgemeine Aspekte der Palliativmedizin
Das palliativmedizinische Team
Spezial:
Alte Menschen in der Palliativmedizin
Kinder in der Palliativmedizin

Die Sterbephase
Sterbehilfe, Sterbebegleitung, Patientenverfügung
Krankenpflege in der letzten Lebensphase

Beschwerdenkomplexe:
Dermatologische Beschwerden
Ernährung und Flüssigkeitsversorgung
Magen-Darm Beschwerden

Lungen- und Atemwegsbeschwerden
Neurologische Beschwerden
Seelische und geistige Beschwerden
Urologische Beschwerden

 

Vorübergehende künstliche Harnableitung bei Palliativpatienten

 

Inhaltsübersicht:
Indikation und Entscheidungskriterien
Formen der künstlichen Harnableitung
Blasenkatheter

Indikation und Entscheidungskriterien

Gründe für eine künstliche Harnableitung

Eine vorübergehende künstliche Ableitung des Harnes ist bei Palliativpatienten insbesondere dann sinnvoll, wenn es durch einen Urinrückstau zu einer Beeinträchtigung der Nierenfunktion kommen könnte. Sie ist in folgenden Situationen in der Regel immer erforderlich:

  • Urinaufstau, der zu Symptomen wie beispielsweise Schmerzen oder Fieber führt
  • Infektionen bis hin zur Blutvergiftung (Sepsis)
  • akute Erweiterung der Binnenräume in den Nieren (Nierenkelche), was sich im Rahmen einer Ultraschalluntersuchung feststellen lässt (siehe auch Anatomie und Physiologie der Nieren)

Im Einzelfall kann auch einer vorübergehende künstliche Harnableitung sinnvoll sein, wenn der Urinaufstau keinerlei Beschwerden verursacht und wenn die Erweiterung der Nierenbinnenräume schon länger besteht und damit chronisch ist.

 

Bedingungen für eine künstliche Harnableitung

Vor der Durchführung einer vorübergehenden künstlichen Harnableitung müssen folgende Aspekte bedacht werden:

  • Ist eine Niere oder sind in beiden Nieren die Nierenkelche erweitert? Ist nur eine Niere betroffen, so kann man evt. auf eine Harnableitung verzichten, weil die Urinausscheidung in diesem Fall noch über die Niere der anderen Seite erfolgt.
  • Wie hoch ist die Konzentration des Stoffwechselabbauprodukts Kreatinin im Blut? Kreatinin wird normalerweise über die Nieren ausgeschieden. Deshalb lässt ein Anstieg der Kreatininkonzentration im Blut Rückschlüsse auf die Schwere einer eventuellen Nierenfunktionsstörung zu. Daraus ergibt sich die Dringlichkeit einer vorübergehenden künstlichen Harnableitung.
  • Dauer und Ausprägung der Erweiterung der Nierenbinnenräume. Die Dringlichkeit einer vorübergehende künstliche Harnableitung entscheidet sich auch daran, ob die Erweiterung akut oder chronisch ist.
  • allgemeiner Zustand des Patienten, der vor der Durchführung therapeutischer Maßnahmen immer in Betracht gezogen werden muss
  • eventuell geplante Therapien (beispielsweise Strahlen- oder Chemotherapie), welche wiederum Auswirkungen auf die Symptomatik, die Beschwerden und die Nierenfunktion haben

 

Individuelle Situation berücksichtigen

Beispielsweise sollte bei einem Palliativpatienten mit nur einseitiger Erweiterung der Nierenkelche und normaler Kreatininkonzentration im Blut in der Regel keine vorübergehende künstliche Harnableitung durchgeführt werden. In diesem Fall würde sich durch die therapeutische Maßnahme keine Verbesserung der Lebensqualität ergeben, und auch eine Verlängerung der Lebenszeit wäre nicht zu erwarten. Hier würde die Belastung des Patienten durch die Harnableitung nicht durch den zu erwartenden Nutzen gerechtfertigt sein.

 

Top

Formen der künstlichen Harnableitung

 

Im Prinzip gibt es 2 verschiedene Möglichkeiten der vorübergehenden künstlichen Harnableitung: die innere und die äußere Harnableitung.

 

Innere Harnableitung

Bei der sogenannten inneren Harnableitung wird ein Hohlschlauch (Katheter) als "innere Schiene" in die Harnwege eingelegt, in der Regel in einen der beiden Harnleiter, welche die Nieren mit der Blase verbinden. Diese "innere Schienung" ist unter lokaler Betäubung, aber auch in Vollnarkose möglich. Dabei wird der Katheter durch die Harnröhre und die Blase bis in den verengten Harnleiter vorgeschoben. Dort kann er für 6 bis 12 Monate belassen werden, bevor ein Wechsel erforderlich ist. Mögliche Probleme dieser inneren Schienung sind:

  • Verrutschen des Katheters
  • Verschluss, beispielsweise durch kleine Blutklümpchen
  • Verkrustungen, die die Durchgängigkeit des Katheters beeinträchtigen
  • Infektionen des körperfremden Materials
  • Harninkontinenz in Form einer Dranginkontinenz, sodass der Urin bei bestehendem Harndrang nicht gehalten werden kann
  • Kolikschmerzen, wenn die Muskulatur des Harnleiters als Reaktion auf den Katheter eine starke, schmerzhafte Aktivität entfaltet

 

Äußere Harnableitung

Bei der äußeren Harnableitung wird ein Katheter von außen direkt in die Niere eingelegt. Dies ist unter Ultraschallkontrolle in lokaler Betäubung möglich. Dieser Katheter muss allerdings alle 6 bis 8 Wochen gewechselt werden. Mögliche Probleme dieser äußeren Harnableitung sind:

  • Blutungen während der Katheteranlage
  • Verschluss des Katheters, zum Beispiel durch Blutklümpchen
  • Infektion des Katheters und/oder der Kathetereintrittsstelle, welche sich unter Umständen bis hin zu einer Blutvergiftung (Sepsis) weiterentwickeln kann
  • Verrutschen des Katheters

 

Die Lebensqualität ist entscheidend

Bei allen diesen Maßnahmen steht die Lebensqualität des betroffenen Palliativpatienten im Mittelpunkt - diese sollte sich durch die Harnableitung verbessern. Allerdings ist eine Harnableitung nicht bei allen Palliativpatienten möglich. Dagegen sprechen:

  • geringe Lebenserwartung (wenige Tage bis wenige Wochen)
  • Austrocknung (Dehydratation), welche auf den baldigen Tod des Patienten zurückzuführen ist und eine Verringerung der Urinausscheidung mit sich bringt
  • ausgeprägte Bauchwassersucht (Aszites)

 

Top

Blasenkatheter

 

Eine weitere Form der äußeren Harnableitung (s. o.) ist die Anlage eines Blasenkatheters. Ein Blasenkatheter ist aber nur dann sinnvoll, wenn die Harnwege oberhalb der Blase frei durchgängig und nicht beispielsweise durch einen Tumor o. ä. verengt sind.

 

2 Formen werden unterschieden

Ein Blasenkatheter kann in 2 verschiedenen Formen zur Anwendung kommen:

  • als transurethraler Katheter, der durch die Harnröhre in die Blase eingelegt wird (trans: durch; Urethra: Harnröhre)
  • als suprapubischer Katheter, der oberhalb des Schambeins durch die Haut in die Blase gelegt wird (supra: oberhalb; Os pubis: Schambein)

Ein transurethraler Blasenkatheters darf nur kurzfristig angewendet werden. Spätestens nach 30 Tagen sollte, wenn weiterhin der Bedarf einer Harnableitung besteht, nach einer anderen Lösung gesucht werden. Ansonsten wird die Gefahr einer Infektion zu groß. Bei beiden Katheterformen ist in der Regel alle 4 Wochen ein Katheterwechsel erforderlich.

 

Gründe gegen einen Blasenkatheter

Für beide Katheterformen gibt es auch Kontraindikationen. In folgenden Fällen sollte ein Katheter nicht angelegt werden:

  • transurethraler Katheter: Harnröhrenentzündung, Prostataentzündung oder Abriss der Harnröhre (z. B. durch einen Unfall mit Beckenverletzung) sowie im Einzelfall Harnröhrenverengung oder großer Prostatatumor
  • suprapubischer Katheter: geringes Harnblasenvolumen (weniger als 200 Milliliter), Einwachsen eines Tumors in die Blasenwand, ausgeprägte Bauchwassersucht (Aszites), vorangegangene Operationen in diesem Bereich, Blutgerinnungsstörungen oder absehbarer Tod des Patienten sowie im Einzelfall Absiedlung von Tochtergeschwülsten (Metastasen) eines Tumors am Bauchfell

 

Einmalkatherisierung

Bei Palliativpatienten mit nur noch sehr geringer Lebenserwartung können die Mitglieder des palliativmedizinischen Teams zudem zusammen mit dem Patienten besprechen, ob die Anlage eines Blasenkatheters oder mehrmals tägliche Einmalkatheterisierungen angenehmer sind. Bei der Einmalkatheterisierung wird die Blase durch die kurzfristige Einlage eines Katheters entleert und der Katheter anschließend sofort wieder aus der Blase entfernt. Dies kann der Patient selbstständig durchführen, sich aber auch von pflegenden Angehörigen oder dem Pflegepersonal helfen lassen.

 

Symptome, die eine Harnableitung notwendig machen

Die Entleerung der Harnblase mit Hilfe eines Katheters ist in der Regel bei Palliativpatienten mit folgenden Symptomen erforderlich:

  • Makrohämaturie (Blutbeimengungen zum Urin, die mit bloßem Auge sichtbar sind)
  • Blasentamponade (Verstopfung der Blase, beispielsweise durch kleine Blutklümpchen)
  • unvollständige Entleerung der Blase, sodass nach dem Wasserlassen noch große Mengen an Restharn in der Blase zurückbleiben
  • Überlaufblase (Abfließen von Urin aus der Blase, weil diese übervoll ist)
  • Einengung der Harnröhre, z. B. durch eine ausgeprägte Prostatavergrößerung oder durch das Wachstum eines Tumors
  • Entstehung einer krankhaften Verbindung zwischen Blase und Darm (Fistel), sodass Urin in den Darm fließen und umgekehrt Darminhalt in die Blase gelangen kann
  • offene Stelle (Dekubitus) im Gesäßbereich (hier wird durch den Katheter ein Kontakt der offenen Stelle mit dem Urin vermieden, und die Pflege des Patienten wird erleichtert)
  • ausgeprägte Schwäche des Patienten, sodass das natürliche Wasserlassen eine zu große Anstrengung bedeuten würde
  • ausgeprägte Inkontinenz mit ungewolltem Harnabgang, der durch andere therapeutische Maßnahmen nicht beeinflussbar ist

Top

weiter mit: Urologische Symptome und ihre Ursachen  -  Therapeutischer Handlungsbedarf  -  Vorübergehende Harnableitung  -  Dauerhafte Harnableitung  -  Therapie bei Makrohämaturie und Blasentamponade  -  Blasenentleerungsstörungen  -  Quellen

Zur Übersicht
Beschwerden des Harntrakts - Urologische Symptome in der Palliativmedizin

 




MedizInfo®Homepage
zur Startseite

zur Übersicht
des Unterthemas
zur Übersicht
des Oberthemas